Flachsanbau im Freilichtmuseum
Mit Leinen haben sich bereits die Menschen der Bronzezeit bekleidet. Das Wissen rund um den Anbau und die Nutzung von Flachspflanzen - deren Fasern zu Leinenstoff verarbeitet werden - gerät aber zunehmend in Vergessenheit. Dem wirkt das Community-Projekt 1qm Lein (Link) entgegen. Wir haben unsere Ehrenamtlerin Susann Assenheimer getroffen, die das Projekt federführend im Freilichtmuseum betreut.
Frau Assenheimer, Sie betreuen und bewirtschaften ehrenamtlich einen historischen Garten im Freilichtmuseum – wie ist die Idee zum Flachsanbau entstanden?
Es war ein Gespräch mit unserer Museumsdirektorin Prof. Dr. Kerstin Poehls über das Projekt 1qm Lein im Jahr 2025. Inzwischen ist der Flachanbau zu meinem Herzensprojekt geworden.
Wie haben Sie das Projekt gestartet, wie sind Sie vorgegangen?
Von den Landwirten des Museums bekam ich an der Spinnkopfmühle ein kleines Stück Acker, wo der Faserlein (Flachs) auf ca. 12 qm ausgesät werden konnte. Die Saat bekommt man über das Projekt. Im ersten Jahr sind es 3 Sorten gewesen: Avian, Felice und Tango.
Wie haben Sie den Flachs 2025 angebaut?
Immer sortiert in Viererreihen, damit ich später auch sehen und dokumentieren konnte, welche Saat wie wächst, Samenkapseln bildet und wie unterschiedlich die Wuchshöhe im Vergleich sein wird. Deshalb freue ich mich sehr, dass das Projekt 1qm Lein 2026 zusätzlich ein Citizen Science Projekt gestartet hat, welches den Anbau historischer Saat in den Fokus nimmt, inklusive Dokumentation. Das Ganze findet in Kooperation mit dem Verein VERN statt, der die historische Saat zur Verfügung stellt. Eine weitere schöne Möglichkeit, die Saat in Bezug auf den vorhandenen Boden und hiesigen Witterungsbedingungen für den Anbau zu testen.
Was ist dieses Jahr bereits geschehen?
Anfang Mai haben wir mit vielen Helfer*innen die Leinsaat auf dem vorbereiteten Acker ausgesät. Es sind 6 Rechtecke von je ca. 6 qm. In jedem dieser 6 Felder ist eine andere Leinsaat. Ich säe die einzelnen Saaten nach dem Alphabet aus, so weiß ich auch nach längerer Zeit, welche Saat in welchem Rechteck wächst - falls Beschilderung mal fehlt. Aufgrund des unbeständigen Wetters mussten die Pflanzen gestützt und hochgebunden werden, damit wir die Ernte noch retten können.
Welche historischen Sorten haben Sie von der Saatenbank Vern e.V und 1 qm Lein bekommen?
Eckdorfer Langflachs, Blaublühender Hohenheimer, Weißblühender Hohenheimer - ist eine Rarität, davon gibt es nicht mehr so viel - Katzenellenbogen und Rembrandt. In dem 6. Feld habe ich meine Ernte vom letzten Jahr ausgesät, um zu schauen ob diese keimen möchte. Und Ja! Es ist immer wieder ein Wunder, er wächst genauso gut, wie die anderen fünf. Nach der Aussaat haben wir ein kleines „Leinenaussaatfest“ gemacht. Wir hatten eine Menge Spaß und gute Gespräche.
Die Arbeit geht aber vermutlich weiter, oder?
Ja, das stimmt. Mitte Mai waren bereits die ersten kleinen Keimlinge durch die Erde gebrochen. Das ging bei dem warmen Wetter sehr schnell. Danach hieß es regelmäßig Beikräuter entfernen, wässern und die Keimlinge vor dem Pfau und den Hühnern schützen. Der Flachs soll gut wachsen, bevor er ausgereift ist und gerauft wird.
Gerauft?
Raufen nennt man die Ernte, weil die Stängel mit Wurzeln aus dem Boden gezogen werden. Die Pflanze wird dann auf dem Feld für kurze Zeit getrocknet und danach geriffelt. Das bedeutet, dass die Samenkapseln über einen Riffelkamm entfernt werden, um dann in die so genannte Tauröste zu gehen. Sprich: Die Flachspflanze wird ins nasse Gras auf eine Wiese gelegt. Dort muss sie ständig beobachtet werden, damit man den richtigen Zeitpunkt nicht verpasst. Der äußere hölzerne Mantel soll verrotten, damit man gut an die Fasern kommt. Schreitet die Verrottung aber zu weit voran, dann sind die ganze Arbeit und die Ernte dahin.
Woran erkennen Sie, wann der richtige Zeitpunkt ist?
Man kann die Stängel durch Reibung testen. Werden die feinen Fasern sichtbar, können diese gebündelt und zum Trocknen aufgehängt werden. Ich bin gespannt, ob es uns gelingen wird.
…weil wir dann alle gemeinsam mit unseren Besucher*innen am 20. September das Brechfest feiern möchten.
Ganz genau. Beim Brechfest soll die diesjährige Ernte an unseren Geräten zu einem Garn verarbeitet werden. Die getrockneten Flachstängel werden über dem Brechbock gebrochen. Genauer gesagt wird durch das Auf- und Zuklappen des hölzernen Hebels der holzige Kern der Stängel gebrochen und zerkleinert, ohne die weichen Flachsfasern zu beschädigen. Dann werden die Flachsstängel am Schwingbrett mit einem Messer bearbeitet, um die kleineren holzigen Teile weiter zu lösen und die Fasern danach über der Hechel auszukämmen, bis der Lein bereit ist für das Spinnrad oder die Handspindel. Übrigens: Der Abfall, das sogenannte Werg, welches am Boden liegt, wurde und wird zu groben Leinensäcken verarbeitet oder z.B. als Zugabe beim Lehmputz genutzt.
Da fehlt ja eigentlich nur noch die Farbe für das Lein.
Das ist sehr richtig. Und weil mir die Ausarbeitung von historischem Wissen wie diesem so viel Freude bereitet, habe ich in diesem Frühjahr im Freilichtmuseum auch einen Färbergarten auf dem Meiereiberg beim Kolonistenhaus aus Klappholz angelegt. Aktuell suche ich in historischen Büchern nach Färberpflanzen, die es zwischen 1700 und 1930 in Norddeutschland gegeben hat. Über einen Erfahrungs- und Wissensaustausch bin ich dankbar. Ich habe Anfang Mai einen Färberkurs bei sevengardens in Dinslaken absolviert und darf jetzt zertifiziert Färberkurse geben.